Monsieur Chillout
Perfekt sehen sie aus, und genau das geht Raphael Marionneau auf die Nerven. Immer, wenn der Produzent aus dem französischen Nantes die CD-Abteilungen seiner Wahlheimat Hamburg besucht, stehen sie vor ihm: Hochglänzende Chill-Out-Compilations mit kitschigen Sonnenuntergängen, „Total Chill Out“, „Sunset Chill“ oder "Chill Out Café” steht auf dem Cover. Im Auftrag der großen Plattenfirmen versprechen sie Ruhe – und sind oft genug nicht mehr als eine lieblose Zusammenstellung gefälliger Downbeats. „Die großen Labels haben Chill Out getötet“, sagt Raphael, und der sonst so weiche Akzent klingt plötzlich hart. „Heute geht’s ihnen um die Kohle“, murmelt er, „aber damals haben sie in Chill Out kein Potential gesehen.“."Damals“, das war 1996. Nur wenige Menschen hatten sich an einem kühlen Mittwochabend im Oktober vorm Hamburger Mojo Club versammelt. Wo sonst die legendären "Dancefloor Jazz“-Nächte für lange Warteschlangen sorgten, fand das erste "Le Café Abstrait“ statt. "French Chill Out“ lasen etwa 30 Neugierige auf dem Plakat mit dem weißen Zeppelin – und staunten: Innen war der Raum wie verwandelt. Statt der bekannten Jazz-Ikonen flimmerten abstrakte Diaprojektionen an den Wänden, auf der Tanzfläche standen Sofas und hinterm DJ-Pult saß ein unbekannter junger Franzose: Raphael Marionneau. Die Liebe zu einer jungen Hamburgerin hatte den gelernten Grafiker 1993 an die Elbe verschlagen, durch einen glücklichen Zufall entdeckten ihn die Betreiber des Mojos, für die er später Flyer und Poster gestaltete. „Die Idee zu Le Café Abstrait kam spontan“ sagt Raphael, der auch für die Prestige-Agentur Peter Schmidt Studios (Joop, Apollinaris) arbeitet, "am liebsten hätte ich das in meinem Wohnzimmer gemacht.“

Seine Wohnung wäre schnell zu klein gewesen, denn "Le Café Abstrait“ avancierte zur festen Institution im Hamburger Nachtleben. Jeden ersten Mittwoch im Monat wurde der Mojo zur Anlaufstelle für lässige Studenten, gestresste Werber und Träumer. Zuerst waren es nur Insider, bald wuchs die Zahl auf 300 – aus einem Geheimtipp wurde Deutschlands erster Chill Out-Club. "Welcome home“ flüsterte eine Stimme zu Beginn. "Das war der offizielle Jingle“ erzählt der frühere Radio-DJ Raphael, danach konnte die Reise durch Ambient, TripHop, Chill-Out und Weltmusik beginnen. Bald folgte die erste „Le Café Abstrait“-Compilation auf dem kleinen Hamburger Label Jubilee Records, alle großen Labels hatten die Veröffentlichung vorher abgelehnt. Wie unklug diese Entscheidung war, stellte sich schnell heraus.

Denn aus „Le Café Abstrait“ ist das „Abstrait Network“ geworden, ein Chill Out-Kosmos mit Live-Konzerten ("Le Concert Abstrait“), sommerlichen Open Air-Sessions ("L’ été Abstrait“) am Ostseestrand bei Lübeck-Travemünde, Sternstunden im Hamburger Planetarium ("Le Voyage Abstrait“ und Raphaels größtem Coup: "Le Classique Abstrait“, der ersten Clubnacht im Zeichen klassischer Musik. Vor allem dieser Idee hat es der sympathische Franzose zu verdanken, dass er heute kurz vor dem Durchbruch zum nationalen Star steht. Zwei Jahre lang sendete das bundesweite Klassik Radio seinen Mix aus Filmmusik a la "Jenseits der Stille“, Claude Debussy und Bill Douglas, seit 2002 präsentiert Raphael dieses Konzept alle drei Monate im ausverkauften Konzerthaus Dortmund – natürlich stilecht mit Sofas und Lichtinstallationen. Das hat sich herumgesprochen: Der Spiegel beauftragte ihn mit der Produktion einer CD für seine renommierte "Edition“-Reihe, und „Le Classique Abstrait“ erzielte im Vertrieb von Universal Music so gute Verkäufe, dass im April bereits die zweite Ausgabe erscheinen wird.

Im April 2003 erlitt die "Couch Culture“ einen Rückschlag: Wegen eines Neubaus musste der Mojo Club schließen, und damit auch die Heimat von „Le Café Abstrait“. Die Suche nach einer neuen Location blieb für Raphael bisher erfolglos, doch die Idee lebt in seinen CDs und Clubprojekten weiter. "Abstrait steht für die bessere Seite des Chill Out“, sagt Bruno Lepretre, Resident-DJ im Café del Mar auf Ibiza. Gemeinsam mit Raphael hat er das Album "Les Ambassadeurs“ veröffentlicht – eine Liebeserklärung an den Sommer."Ich bin ein Träumer“ sagt Raphael über sich. Und sein schönster Traum ist wahr geworden: Der weiße Zeppelin von damals ist zum Flug über Deutschland gestartet.

Chillout beim Brahms
Die Location ist ein Traum!" Für einen Moment gerät der sonst eher coole Raphael Marionneau ins Schwärmen. Dabei ist die Rede von einem Pausenraum, in dem zumeist Gläser klirren und Konzertbesucher verzweifelt nach einem der wenigen Tische suchen. Doch Hamburgs berühmtester Soundpilot lässt sich in seiner Begeisterung auch von akustischen Einwänden nicht beirren: Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ein DJ nach einem Sinfoniekonzert zur "Lounge Après" bitten darf, noch dazu im ehrwürdigen Brahms-Foyer der Musikhalle und zu Klängen, die eigentlich in der Club-Szene anzutreffen sind. Kein Wunder also, dass der Vater der Couch-Kultur Feuer und Flamme für die Premiere seines Chill-outs nach Borodin und Schostakowitsch ist. Dabei könnten Hamburgs Philharmoniker mindestens genauso stolz sein, dass sich der Soundtüftler in ihre heiligen Hallen begibt: Immerhin hat der Franzose, der vor 13 Jahren an die Elbe zog, mit seinen Club-Reihen wie Café Abstrait im Mojo-Club Chill-out-Geschichte geschrieben und ist mit seinen Voyage-Abstrait-Abenden im Planetarium ganz und gar in neue Sphären der Club-Kultur abgehoben.

Und doch ist die Lounge im Anschluss an das Philharmonische Konzert kommenden Montag für den 35-Jährigen eine ganz besondere Herausforderung: "Da werden zwei Generationen aufeinander treffen: die älteren Klassikliebhaber und Jüngere, denen eher meine Musik vertraut ist." Kompromisse will der Kompilier-Künstler indes keine machen, wie eh und je Debussy und Reich mit Ambient, Triphop und Ibiza-Sounds mixen, vielleicht als Referenz an den Gastdirigenten des Abends - den chinesischen (Film-) Komponisten Tan Dun - ein paar mehr Klänge traditioneller chinesischer Musik einfließen lassen. Doch entscheidend bleibe letztlich, dass der "Flow" stimme: "Die Zuhörer sollen gar nicht merken, wie die Melodien klassischer Stücke und elektronische Beats ineinander fließen." Und da seine ganz besondere Liebe den Romantikern gilt, könnte auch der Namensgeber der Location zu seinem Recht kommen - oder auch nicht, denn meist "weiß ein DJ eine halbe Stunde vorher noch nicht, was er spielen wird".

Unbekannte Musikwelten und zu neuen Horizonten
Verschlungene Videoprojektionen tauchen die Lounge im Hamburger Mojo-Club in zartes Rot. In ausladenden Sesseln nippen mehr als 100 Nachtschwärmer an Chai-Tee und Milchkaffee. Aus den Lautersprecherboxen plätschert eine kunstvoll verschmolzene Mischungaus klassischer Musik, HipHop, Dub-Reggae und Ambient-Klängen. Hinter dem Mischpult sitzt der Franzose Raphaël Marionneau, kreativer Kopf und Macher der monatlichen Chill-out-Abende. "Écoutez et relaxez vous" heißt die Devise. "Lauschen Sie Musik, die Sie noch nie gehört haben. Schließen Sie die Augen, und Sie spüren die Entspannung", verspricht der 32-Jährige und schiebt die Regler sachte nach oben. Die Klänge sind mal fließend, dann wieder extrem rhythmisch und flippig. Es gibt fast nichts zwischen 90 und 130 bpm, was der selbst ernannte Soundpilot nicht in den Musikteppich einwebt. "Ich führe die Menschen in unbekannte Musikwelten und zu neuen Horizonten", meint Marionneau. Aus mehr als 1500 CDs bastelt der Musiker seine Soundcollagen zusammen: Der Norweger Edvard Grieg und Filmkomponist Ennio Morricone finden genauso Einzug wie Donnergrollen, Bremsgeräusche einer U-Bahn oder Glockenschlagen. Scheinbar unvereinbare Gegensätze verschmelzen unter den flinken Fingern des Franzosen zu neuem Klang. "Mainstream ist nichts für mich. Ich setze auf den Überraschungseffekt", sagt er. Doch Marionneaus Bemühungen sind nicht der erste Versuch, den Staub von der Klassik zu blasen. Schon vor einem Vierteljahrhundert wagte der Japaner Isao Tomita mit der experimentellen Version des Mussorgsky-Werkes "Bilder einer Ausstellung" eine Vermählung von klassischer und elektronischer Musik. Und auch William Orbit - nicht ganz unumstrittener alter Hase der britischen Elektronikszene - peppte traute Weisen aus vier Jahrhunderten elektronisch auf.

Das Publikum aus Studenten, Medienleuten und Rechtsanwälten fährt auf Marionneaus Rezept gegen Alltagstristesse ab. "Er ist Franzose durch und durch, verkörpert das typische "laissez-faire", und das steckt an", sagt ein angehender Mediengestalter zur Halbzeit der vierstündigen Session. Die Uhr zeigt Mitternacht. Manche reiben sich die Augen, andere sprühen vor Energie, manche wiegen sich im beschaulichen Takt der Musik. Die Gespräche reichen von Unistress bis zum jüngsten Ultraschallbild. "Ich glaube, dass sind Melodien, die einen unbewusst beeinflussen", mutmaßt eine Studentin."Es gibt keine andere Veranstaltung mit diesem Ambiente. Mir wird etwas fehlen", sagt eine Mitzwanzigerin. Vor zehn Jahren kam der gelernte Grafiker und Web-Designer Marionneau aus der Bretagne in die Hansestadt - seiner großen Liebe wegen. Drei Jahre später legte er das erste Mal in einem der bekanntesten DJ-Areale der Republik an der Reeperbahn auf. Kurze Zeit später wurde die eigenwillige Musik zum Selbstläufer. Nach dem Senkrechtstart des "café abstrait" und der klassischen Variante "classique abstrait" in Hamburg, ging Marionneau mit dem Projekt nach Kiel und Dortmund und etablierte die Couch-Culture.

J'ai 30 ans et j ai inventé la couch-culture
De Nantes à Hambourg, la trajectoire de Raphaël Marionneau est une success story involontaire. 1988 : au terme d’études laborieuses, Raphaël, muni d’un CAP de dessinateur, est embauché par une agence de publicité à Cholet. Il est chargé de la tâche la plus ingrate : mettre au propre les ébauches des créateurs. Douze ans plus tard, âgé d’à peine 30 ans, ce graphiste reconnu en Allemagne est aussi un DJ réputé de la scène hambourgeoise. Raphaël a imposé un nouveau concept de soirée, le "café abstrait ” ou " french chill-out ”.

1990 : Pour l’amour d’une jeune allemande qui le larguera peu après, Raphaël décide à s’installer à Hambourg. Résigné à repiquer pour un job sans intérêt, il se présente dans une agence de publicité,. C’est la divine surprise : son portfolio retient l’attention, il est immédiatement embauché comme graphiste. Sans vraiment le vouloir, le voilà créateur au sein de la première agence de pub allemande, Peter Schmidt Studio. Aujourd’hui encore, Raphaël n’en revient pas : " C’était comme si j’avais ouvert par hasard un coffre-fort pour découvrir des lingots d’or à l’intérieur. Peter Schmidt est une star en Allemagne. Je rentrais tout de suite dans la cour des grands ! ” Son ascension est fulgurante. En quelques mois, il devient l’assistant personnel du grand patron : " Peter Schmidt m’a fait travailler sur ses propres projets. Il les présentait en son nom mais ne touchait pas un crayon. C’était moi qui les réalisait, toujours dans son ombre. ” Et c’est ainsi que " le petit Français ” crée aussi bien le logo de la ville de Hambourg que celui de la Bundeswehr, l’armée allemande!

Dans le même temps, Raphaël découvre les bars et les clubs du côté de la Reeperbahn, centre de la vie nocturne hambourgeoise. La première fois qu’il entre au Mojo Club, " c’est l’illumination ”. Les gens, la musique, l’ambiance : il se sent en famille dans cette boîte internationalement renommée, où MTV Europe tourne régulièrement. Raphaël n’y tient plus : " je voulais faire partie de ce club, je trouvais que leurs flyers étaient assez moyens, je leur ai proposé de les faire gratis, et c’est comme ça que je suis devenu designer du Mojo Club. ” La success story s’emballe de nouveau : les créations de Raphaël deviennent des collectors, il dynamise la culture du flyer à Hambourg. Reconnaissants de tant de bonne volonté, les dirigeants du Mojo accèdent au désir le plus cher de Raphaël : organiser une soirée dans leur club et passer derrière les platines. Mais comme les meilleurs DJs internationaux défilent chez eux et qu’ils sont très soucieux de leur image, Raphaël doit se contenter d’une soirée strictement privée, le mercredi, jour de fermeture. N’importe : en quelques mois, sans vraiment le vouloir, Raphaël entre dans le petit cercle des DJs reconnus. Il crée un concept insolite : du clubbing sans dance floor, des soirées où les gens viennent non pas pour speeder sur les BPM, mais pour se relaxer sur de la musique planante, celle qu’on passe dans les chill-out, ces espaces de décompression qui permettent aux ravers trop énervés d’atterrir en douceur. " Les chill-out sont considérés comme secondaires. Moi, j’ai pris ce truc-là au sérieux. J’ai mis les canapés au centre de la piste, avec une ambiance relaxe, projections de diapos et de vidéos abstraites, et surtout, la musique que j’aime : je passe aussi bien de l’ambient, de la musique de films, du trip hop, que de la world music, tout ce qui est planant. Je veux que les gens se sentent au Mojo comme dans leur living-room. ” Ces soirées, baptisées " Café Abstrait ”, sont vite devenues un rendez-vous du tout Hambourg et font toujours le plein deux ans après leur création. Une nouvelle génération de DJs vient s’y produire. Raphaël Marionneau a enregistré un CD tiré à 3000 exemplaires et très vite repressé à 5000, sa renommée va grandissant. On le compare désormais à des DJ comme Claude Challe, du Bouddha Bar, à Paris, ou comme José Padilla, du Café del Mar, à Ibiza. Pour autant, Raphaël n’a rien perdu de sa candeur ni de sa timidité. Décidément atypique, il n’envisage même pas de vivre de sa musique : " Ça doit rester une passion. J’ai gardé le rythme mensuel du Café Abstrait malgré son succès. Je préfère continuer à gagner ma vie comme designer. ” Quand le Café Abstrait se termine à 5 h du matin, Raphaël va travailler à 9 h. Désireux de ne plus être seulement le faire-valoir de Peter Schmidt, il a quitté l’agence et veut se lancer dans le design de sites web. Faisons lui confiance : la success story du jeune Nantais va se poursuivre.

Der König der Chill-Out-Musik
Er kam aus Liebe zu einer Frau nach Hamburg. Ein halbes Jahr später war mit ihr Schluß. Aber er blieb hier. Raphael Marionneau (35) aus Nantes hatte sich nämlich auch in unsere Stadt verliebt. Und so wurde Hamburg zur Wiege seiner berühmten Chill-out-Musik. "Chillen" heißt „sich entspannen“. So steht’s im Duden. Raphael macht Musik, die uns träumen läßt. Wegführt aus dem Alltag, von Sorgen und Problemen. In diesem Jahr feiert er 10jähriges Jubliläum: Inzwischen ist er der berühmteste Botschafter dieser Musikrichtung. Er hat Graphik-Design studiert, als Jugendlicher Kraftwerk und Jean Michel Jarre gehört. Als er sich für Hamburg entschied, arbeitete er für den damaligen Mojo Club zunächst in seinem erlernten Beruf. Er entwarf Broschüren."Irgendwann habe ich die gefragt, ob ich nicht mal elektronische Musik auflegen darf", sagt Raphael. Er durfte an einem Mittwoch – da war sonst geschlossen. Beim ersten Mal kamen nur 50 Leute – aber die fühlten sich sauwohl. Keine Tanzfläche, aber gemütliche Sofas. Warmes Licht und Tee für Null Pfennig. Seine kuscheligen Schmuse- und Träumpartys wurden unter dem Namen "Le café abstrait" durch Mund-zu-Mundproganda zum Renner. Im 3. Jahr standen die Menschen Schlange. Zeitgleich entwickelte sich die Chill-out-Musik weiter. Es entstanden Bars und Lounges. Raphaels Sound boomte. Seine schwelgerischen CD- Zusammenstellungen sind in allen Altersklassen beliebt. Jeden 1. Mittwoch im Monat entführt uns Raphael im Planetarium zu einer Sound-Reise unter der Sternenkuppel (immer ausverkauft). Er legt im Sommer in der Sand World von Travemünde auf. Auch im Brahms-Foyer der Laeiszhalle nach speziellen Montags-Konzerten. Und er ist jeden Sonntag auf N-Joy im Radio zu hören. Ein besonderer Genuß!

Sounpilot
Mut wird häufig belohnt. Zumindest der vom DJ Raphaël Marionneau. Der Franzose mit Alster-Faible legte von 1996 bis 2003 im Mojo Club in seinem selbstkreierten "le café abstrait" Chill-Out-Musik auf und war damit in Deutschland der erste seiner Art. Der ist der 33-Jährige treu geblieben – beispielsweise mit seinem aktuellen Konzept „le voyage abstrait“ im Planetarium.

Er bezeichnet sich selbst bescheiden als Sammler und "Hörer" von entspannender Musik. Dabei ist der DJ Raphaël Marionneuau eigentlich viel mehr – nämlich einer der Vorreiter der Lounge-Musik in Deutschland. Zumindest war der 1970 in Nante geborene Franzose 1996 der erste, der mit dieser Stilrichtung eine regelmäßige Clubveranstaltung in Deutschland ins Leben rief: das "le café abstrait" im Mojo Club. Es verwandelte die Club-Legende einmal im Monat in ein "kuscheliges Wohnzimmer", in dem in gemütlichem Ambiente so richtig schön gechillt werden konnte."Ich mochte diese Art der "Entspannungs"-Musik unheimlich gerne, doch es gab in Hamburg keine Location, in der sie gespielt wurde." Der gelernte Grafiker, Musikauflegen ist für ihn bis heute Hobby, hatte jedoch Glück. Zu seinen Kunden zählte auch besagter Mojo Club, für den er Flyer erstellte. "Irgendwann kam den Verantwortlichen zu Ohren, dass ich in Frankreich als Radio-Dj gearbeitet habe und gerne selber auflegen möchte. Mein Konzept gefiel ihnen so gut, dass ich es probieren konnte", sagt der Soundpilot. Der Erfolg ließ die Veranstaltung bis zur Schließung des Hauses neun Jahre lang zur festen Einrichtung werden, brachte gleichnamige CDs hervor und machte Raphaël Marionneau in der Szene zur Berühmtheit – weit über Hamburgs Grenzen hinaus.

In den aus Franzosensicht hohen Norden hatte ihn Anfang der 90er-Jahre die Liebe verschlagen. "Ich lernte zu Hause eine Hamburgerin kennen und bin ihr gefolgt. Die Stadt hat mich mit ihrem besonderen Flair sofort fasziniert. Jeder Stadtteil steht für sich und hat seine Qualitäten. Sei es das lebendige St. Pauli oder das romantische, bürgerliche Winterhude", sagt Raphaël Marionneau, der in Letzterem seine Zelte aufschlug und lange im Hofweg wohnte. Auch, wenn er nun in St. Georg lebt und es sich bei seiner Freundin nicht mehr um "den Anreisegrund" handelt, Hamburg und vor allem die Alster möchte der 33-Jährige nicht mehr missen.

Gut für die Stadt, denn auch wenn es den Mojo Club seit 2003 nicht mehr als feste Einrichtung gibt, und somit auch kein "le café abstrait", seine Kunst des Auflegens bleibt ihr erhalten. Auf wechselnden Events und fest im Planetarium. "Dessen Leiter Thomas Kraupe sprach mich vor zwei Jahren an, ob ich mir bei ihm ein Chill-Out-Event vorstellen könnte. Ich entwarf ein Konzept das so gut einschlug, dass statt der erwarteten 300 gut 500 Gäste kamen. Wegen des großen Erfolges gab es danach die feste Veranstaltung "le voyage abstrait’, die in diesem Jahr jeweils jeden ersten Mittwoch im Monat stattfindet", freut sich der DJ, denn nirgendwo sonst kann er seine Intention besser verwirklichen, als im Kuppelsaal des Planetariums, das er für die beste Location überhaupt hält. "Die Leute sollen ihren Stress vergessen und sich entspannen oder träumen können. Meine spontan aufgelegte Musik kombiniert mit einer fantasievollen, live gestalteten Sternen- und Lasershow am künstlichen Firmament wirkt fast schon hypnotisch und ermöglicht eine "Reise ins eigene ich", erklärt Raphaël Marionneau, der hofft mit seinem von der Klassik über Ethno bis hin zum Trance reichenden Musik-Mix ein möglichst breites Publikum zu begeistern. Das gelingt, denn sein Publikum in Winterhudes Ex-Wasserturm ist bunt gemischt und erscheint zahlreich. Die Vorstellungen sind fast immer voll ausgebucht. Und wer dann einmal seine Musik gehört hat, möchte sie in den meisten Fällen nicht mehr missen – abschalten ist nämlich garantiert.